@75Jamin - Ben Jamin
#Kernenergie ist extrem gefährlich! Sagen die Kritiker. Doch rein objektiv ist das Risiko eines schweren Unfalls in Druckwasser-Reaktoren wie in 🇩🇪 oder der 🇨🇭 verschwindend gering. Warum wird die Gefahr trotzdem massiv überschätzt? 👉🏼 Ein 🧵 über Psychologie & Wahrnehmung. https://t.co/wYmqORyI0D
@75Jamin - Ben Jamin
1) Verfügbarkeitsheuristik 🔍 Wir ERINNERN uns an Tschernobyl & Fukushima - an die Bilder und Emotionen, an die gruselige Berichterstattung. Was oft im Kopf auftaucht, halten wir für wahrscheinlicher! Zwischen Bauchgefühl und Statistik liegt oft ein weiter Weg ⬇️ https://t.co/WObFHamJwH
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2) Unsichtbarkeit ☢️ Strahlung, Viren oder Gentechnik erzeugen oft diffuse, schwer greifbare Ängste - gerade weil sie nicht direkt wahrnehmbar sind z.B. durch Schmerzen. Das führt zu Unbehagen. "Ich spüre es nicht, ich verstehe es nicht - also ist es vermutlich gefährlich." https://t.co/l6jUMv9nhO
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3) Die Verlustaversion 😨 Potenzielle Verluste werden stärker wahrgenommen als mögliche Gewinne! 👉🏼 Lieber verzichten wir auf sichere und saubere Energie, als das (irrationale) Risiko eines GAUs ertragen zu müssen - obwohl unsere Reaktoren als die sichersten der Welt galten. https://t.co/sw6o5I8HX6
@75Jamin - Ben Jamin
4) Die Kontrollillusion 🧐 Bei einem #Kernkraftwerk (oder z.B. bei einem Passagierflug) hat der Einzelne keine Kontrolle. 👉🏼 Das verstärkt das Angstgefühl, im Gegensatz zu Risiken wie Autofahren, wo wir das Steuer selbst in der Hand haben - trotz objektiv höherem Risiko. https://t.co/IYW1uKapLM
@75Jamin - Ben Jamin
5) Der Negativitätsbias 🧠 Negative Informationen - besonders über Katastrophen - bleiben besser im Gedächtnis. 👉🏼 Die zahlreichen positiven Fakten über die Sicherheit und den großen Nutzen von Kernkraftwerken gehen dabei oft unter bzw. werden nicht ausreichend gewürdigt. https://t.co/UrEcjlXRmL
@75Jamin - Ben Jamin
6) Atommüll ♻️ Er wirkt abstrakt, ewig gefährlich - ein scheinbar unlösbares Problem. Doch bisher: ✅ kaum Zwischenfälle bei Lagerung ✅ keine Menschen geschädigt ✅ überschaubare Menge ✅ streng reguliert ✅ klare Entsorgungspfade - technisch lösbar, aber politisch sensibel. https://t.co/sBEyyDd8tq
@75Jamin - Ben Jamin
7) Das Fazit 💡 Die Angst vor #Kernenergie ist psychologisch erklärbar, aber statistisch kaum begründbar - vor allem in 🇩🇪, wo es nie einen ernsthaften Vorfall gab. Die Risikowahrnehmung wird oft emotional, nicht rational gesteuert. Doch genau dort, wo Regulierung, Kontrolle und jahrzehntelange Erfahrungswerte greifen, ist das Risiko meist deutlich geringer als gedacht. Die Zahlen zeigen es. Wir müssen nur noch lernen, sie zu akzeptieren.
@75Jamin - Ben Jamin
Gerne verweisen Grüne auf Dänemark 🇩🇰, wenn es darum geht, die Stromversorgung vollständig auf volatile Erneuerbare umzustellen. Aber ist Dänemark tatsächlich mit Deutschland 🇩🇪vergleichbar? Was machen die Dänen in wettermäßig schlechten Wochen und kann D das auch? (1/7) https://t.co/bIyzWLcKxy
@75Jamin - Ben Jamin
Dazu betrachten wir ganz aktuell die letzte Woche im April 2025: Biomasse, Wind- und Solarkraft konnten oftmals nicht annähernd den Leistungsbedarf (schwarze Linie) decken. Obwohl dieser ist mit 3,5 - 5,0 GW sehr gering ist! ⬇️ 🇩🇪 benötigte in derselben Woche zwischen 40 und 65 GW, also mehr als das 10-fache! (2/7)
@75Jamin - Ben Jamin
Auch mit Steinkohle, Erdgas, Müll und Öl war man am 02.04.2025 um 1:00 noch mit 2,6 GW unterdeckt. (Erzeugung: 1,395 GW; Last: 4,013 GW ⬇️). Nur 35 % des Bedarfs wurden somit aus eigener Kraft gedeckt. Auch alle anderen weißen Flächen unterhalb der Lastkurve bedeuten Strommangel. Aber woher kam der fehlende Strom? (3/7)
@75Jamin - Ben Jamin
Aus Importen! Mit großem Abstand ist der Stromimport (lila) der bislang wichtigste Stromlieferant im April. Warum geht das überhaupt? Weil Dänemark so klein ist! Wäre 🇩🇰 so groß wie 🇩🇪 und man würde alles hochskalieren, dann hätte das Land zu dem Zeitpunkt ca. 30 GW an elektrischer Leistung beschaffen müssen. Also ungefähr die Leistung aus 30 Kernkraftwerken. Natürlich unmöglich. (4/7)
@75Jamin - Ben Jamin
Merke: kleine Länder können verstärkt auf volatile Erneuerbare setzen, wenn sie Nachbarländer haben, die bei der Stromerzeugung stark aufgestellt sind. Mit Schweden 🇸🇪 und Norwegen 🇳🇴 hat Dänemark genau diese Partner ↙️↘️ Zuverlässige Wasser- und #Kernkraft machen es möglich. Würden die Schweden und Norweger ebenfalls auf volatile Stromerzeugung setzen, bräche das dänische Modell sofort zusammen! (5/7)
@75Jamin - Ben Jamin
Deutschland kann zwar ebenfalls bei den Franzosen, Norwegern und Schweden sauberen Strom einkaufen (und damit sogar seine CO2-Bilanz beschönigen), aber nur in physikalisch begrenztem Rahmen. Das fossile Backup über die fast komplett benötigte Leistung bleibt daher unverzichtbar. Und diese Leistung soll ja weiter steigen - Wärmepumpe, E-Auto, Elektrifizierung der Industrie. Der Ausstieg aus der Kohle ist ein grünes Hirngespinst! Nur wenn Fossil (Kohle) durch Fossil (Erdgas) ersetzt wird, kann dies möglich werden. (6/7)
@75Jamin - Ben Jamin
Um die Menschen zu beruhigen baut man diese neuen Gaskraftwerke (die ohne hohe Subventionen niemand errichten würde) dann H2-ready. Aber Sie brauchen sich keine Illusionen machen: Auch diese werden mit Erdgas laufen. Wasserstoff ist viel zu teuer und auf absehbare Zeit überhaupt nicht ausreichend verfügbar. Aber was sollen die Grünen sonst machen, außer auf fantastische Träume und Utopien zu setzen? Man müsste sich ja eingestehen, falsch gelegen zu haben. Oder zumindest verstehen, warum man falsch liegt. Und wie viele Grüne kennen Sie, die sich von Fakten überzeugen ließen? Eben! (7/7)
@75Jamin - Ben Jamin
Zum Weiterlesen: https://t.co/2KteagGiSU
@75Jamin - Ben Jamin
Seit kurzem geistert wieder eine Grafik auf X herum, die von Habeck-Fans meist kommentarlos hingeklascht wird und beweisen soll, dass Strom aus neuen #Kernkraft-Werken sündhaft teuer ist. Ich habe mir die Studie dazu angeschaut und bin auf 3 interessante Punkte gestoßen🧵(1/5)
@75Jamin - Ben Jamin
Punkt 1: Investitionskosten Im hohen Szenario geht man davon aus, dass Kernkraftwerke Investitionskosten von bis zu 16.000 EUR/kW verursachen. Dieser Wert ist absurd hoch. Schauen wir auf das Beispiel des finnischen AKWs Olkiluoto 3, das aufgrund der explodieren Kosten von stark kritisiert wurde. Am Ende hatten sich die Kosten verdreifacht auf 11 Mrd. EUR. Bei einer Nennleistung von 1.600 MW macht das aber nur 6.900 EUR/kW, also weniger als die Hälfte des Wertes aus der Studie. (2/5)
@75Jamin - Ben Jamin
Punkt 2: Lebensdauer Hier können wir es kurz machen. Für neue Kernkraftwerke eine Lebensdauer von nur 45 Jahren anzusetzen, ist unredlich und widerspricht den Ansätzen internationaler Studien. 60 Jahre wäre das Mindeste. (3/5)
@75Jamin - Ben Jamin
Punkt 3: Volllaststunden Nun wird es interessant. Zunächst möchte ich voraus schicken, dass deutsche Kernkraftwerke im Jahr 2021 im Schnitt 8.070 volllaststunden hatten ⬇️. Das entspricht einer Verfügbarkeit von 92 % (das Jahr hat 8.760 Stunden). Im niedrigen Szenario 2045 setzt Fraunhofer aber nur 2.000 Volllaststunden an ⬇️. Warum? Ich zitiere: "Hierbei wurde auch die Abhängigkeit der Stromgestehungskosten von den Volllaststunden analysiert, da ein Stromsystem basierend auf Erneuerbaren Energien eine Komplementierung durch flexible Kraftwerke mit niedrigen Volllaststunden vorsieht." Im Klartext: Neue Kernkraftwerke wurden hier unter dem Gesichtspunkt analysiert, dass sie als Ergänzung zu den EE gebaut werden, sozusagen als Backup. Das ist der eigentlich Skandal. Auf diese Weise kann man doch unmöglich Kosten vergleichen. Die Unzulänglichkeiten der EE bzgl. Versorgungssicherheit werden kostenmäßig einfach auf die AKW abgewälzt! (4/5)
@75Jamin - Ben Jamin
Das ist auch noch in folgender Hinsicht interessant. Denn erst im April 2024, gab Bruno Burger vom Fraunhofer-Institut, hier bekannt unter @energy_charts_d der Wirtschaftswoche ein Interview, in dem er ausführte ⬇️: "Kernkraftwerke sind nicht regelbar. Das ist ein Wunschdenken. Technisch funktioniert das nicht." Und in der Fraunhofer-Studie, die nur wenige Monate später erscheint, werden die AKWs als regelbare Kraftwerke kalkuliert! Da stellt sich doch die Frage: Sollte vielleicht auch diese Studie eine Botschaft vermitteln, die durch unsere Bundesregierung bereits vorgegeben wurde? (5/5) @_freidel https://www.wiwo.de/unternehmen/energie/ein-jahr-atomausstieg-fehlen-deutschland-die-kernkraftwerke/29753670.html
@75Jamin - Ben Jamin
ABER TSCHERNOBYL !!! 😱 Ja, was ist damit? 🤔 WILLST DU DAS NOCHMAL ERLEBEN ??? ☝️ Nein. ⚛️⚛️⚛️⚛️⚛️⚛️ Was ist da eigentlich passiert, an diesem 26. April 1986? Ich möchte, für Laien verständlich, den Unfall aus technischer Sicht erklären. Es wird spannend! Ein 🧵 (1/15) https://t.co/CRdJGPt7jR
@75Jamin - Ben Jamin
DIE KERNSPALTUNG: Zunächst eine ganz kurze Einführung in die Funktionsweise eines Reaktors: Im Reaktorkern treffen freie Neutronen auf die Kerne des Uranisotops U-235 und können diese spalten. Dadurch entstehen: - zwei Spaltprodukte - 2-3 freie Neutronen - Energie Mit dieser Energie wird umströmendes Wasser so sehr erhitzt, dass Wasserdampf entsteht. Mit diesem Wasserdampf wird eine Gasturbine angetrieben, an der ein Stromgenerator angeschlossen ist. (2/15)
@75Jamin - Ben Jamin
DIE REAKTIONSRATE: Um einen stabilen Betrieb des Reaktors zu gewährleisten, muss die sogenannte Reaktionsrate bei n = 1 liegen. Das heißt, aus jedem Spaltprozess, der ja 2-3 Neutronen hervorbringt, darf nur ein Neutron übrig bleiben, das für die nächste Spaltung sorgt. Ist n größer 1, so steigt die Leistung des Reaktors immer weiter an, ist n kleiner 1 sinkt sie ab. (3/15)
@75Jamin - Ben Jamin
DIE ABSORPTION: Wie können nun die überschüssigen Neutronen aus dem Spaltprozess entfernt werden? Durch Verlassen des Reaktors oder Absorption! Dies Absorption kann auf 3 Arten geschehen: - Aufnahme durch andere Atome im Brennelement, die keinen Spaltprozess erzeugen - Bewegliche Steuerstäbe, die in den Reaktor ein- und ausgefahren werden können - Wasser (das gleiche Wasser, das auch erhitzt und verdampft wird) In der unten stehenden Grafik sehen wir den schematischen Aufbau eines Reaktors. Die schwarzen Linien sind die Steuerstäbe (control rods). (4/15)
@75Jamin - Ben Jamin
DER MODERATOR: Die freien Neutronen, die bei einer Spaltung erzeugt werden, sind viel zu schnell, um weitere Spaltprozesse anregen zu können. Sie würden einfach aus dem Reaktor herausfliegen und der Kernspaltungsprozess käme zum Erliegen. Sie müssen also zunächst abgebremst und so zu thermischen Neutronen werden. Dies leistet ein Moderator. So wird ein Material bezeichnet, an dem die Neutronen gestreut werden und dadurch Energie, also Geschwindigkeit, verlieren. In westlichen Leichtwasser-Reaktoren verwendet man hierfür Wasser (es hat sowohl absorbierende also auch moderierende Eigenschaften). In einem RBMK-Reaktor, der in Tschernobyl stand, verwendete man hingegen Grafit. Ein entscheidender Unterschied, wie wir noch sehen werden. Der Reaktorkern des RBMK-Reaktors bestand aus 1.700 senkrecht angeordneten Grafit-Druckröhren mit einem Durchmesser von 8 cm, in denen sich die Brennelemente befinden. Durch diese Röhren wurde das Wasser von unten nach oben gepumpt und durch das Umfließen der Brennelemente erhitzt (siehe auch vorherige Grafik). (5/15)
@75Jamin - Ben Jamin
DER REAKTORKERN: Insgesamt kann man das Reaktordesign als einen Zylinder mit 7 Metern Höhe beschreiben. Die Druckröhren waren in etwa kreisrund angeordnet. Dazwischen gab es in regelmäßigen Abständen auch Röhren für verschiedene Arten von Steuerstäben (bestehend aus Borcarbid - ein ausgezeichneter Neutronenabsorber) und Neutronenquellen zum Anfahren des Reaktors. Im ersten Bild unten ist die Draufsicht auf den Reaktorkern zu sehen. Im zweiten Bild ein 3D-Aufriss. (6/15)
@75Jamin - Ben Jamin
DER TEST: Soviel zur Vorbereitung. Aber was ist nun eigentlich passiert? Warum geriet die Kettenreaktion außer Kontrolle? Das Drama begann ironischerweise mit einem Test, der eine Sicherheitsfunktion des Reaktors hätte aufzeigen sollen. in einem Notfall muss der Reaktor abgeschaltet werden, aber der Kühlprozess muss weiterlaufen, da im Reaktor weiter Hitze erzeugt wird. Das liegt daran, dass die gespaltenen Atome selbst auch radioaktiv sind und weiter zerfallen (Nachzerfallswärme), auch wenn die Kettenreaktion längst gestoppt wurde. Die Wasserpumpen müssen also im Notfall unbedingt weiterlaufen. Dafür stehen Dieselgeneratoren zur Verfügung. Allerdings dauert es ca. 1 Minute bis diese Generatoren richtig laufen und auch bis dahin muss eine Kühlung sichergestellt werden. Die Idee des Tests bestand nun darin, den notwendigen Strom für die Kühlpumpen von den Turbinenrädern zu beziehen, die sich auch nach der Abschaltung für eine gewisse Zeit immer noch drehen. (7/15)
@75Jamin - Ben Jamin
TESTBEGINN: Am 25. April sollte der Reaktor planmäßig zu Wartungszwecken heruntergefahren werden. Diesen Umstand wollte man nutzen, um den Test durchzuführen. Das erste Problem, das dabei auftrat, betraf das Stromnetz. Durch einen erhöhten Bedarf im Land wurde Reaktor 4 angewiesen, noch nicht vom Netz zu gehen. Das führte dazu, dass der Reaktor mit 50% seiner Leistung über 9 Stunden bis spät in den Abend des 25. April gefahren wurde. Die Leistungsangaben, die in der Literatur verwendet werden, beziehen sich immer auf die thermische Leistung des Reaktors. So fuhr der Reaktor als über 9 Stunden auf 1.600 MW. (8/15)
@75Jamin - Ben Jamin
NEW PLAYER ENTERED THE GAME: Was hatte das für Auswirkungen? Nun erinnern wir uns daran, dass es wichtig ist, stets genug Neutronen zu absorbieren, um die Reaktionsrate konstant bei 1 zu halten. Eines der Spaltprodukte, dass im laufenden Betrieb eines Kernreaktors um die Steuerstäbe herum entsteht, ist Xenon-135 und es ist ein verdammt guter Neutronenabsorber! Wenn Xe-135 ein solches Neutron absorbiert, dann wird es zu Xe-136 und ist als Neutronenabsorber „verbraucht“, man sagt es ist verbrannt. Das Xe-135 entsteht allerdings zum Großteil nicht sofort, sondern mit einigen Stunden Verzögerung, da es hauptsächlich durch den Zerfall von Jod-135 gebildet wird. Dieses besitzt eine Halbwertszeit von 6,5 Stunden. Was bedeutet das? Während die Leistung des Reaktors reduziert wird, hält die Produktion des Xe-135 zunächst unvermittelt an (durch Jod-Zerfall). Gleichzeitig werden aber durch die geringere Leistung immer weniger neue Neutronen erzeugt --> die Reaktorleistung sinkt noch weiter. (9/15)
@75Jamin - Ben Jamin
DER TEST KANN WEITERGEHEN: Um kurz nach 23 Uhr kam die Meldung, dass der Reaktor von den 1.600 MW nun weiter heruntergefahren werden konnte. Der Test sollte bei ca. 700 MW stattfinden. Während dieser Prozedur fand um Mitternacht der Schichtwechsel statt. Die neue Mannschaft war aber gar nicht eingewiesen in den Test - der hätte ja längst stattfinden sollen. Aus heute noch diskutierten Gründen unterlief dem jungen Reaktoringenieur der neuen Schicht ein Fehler und die Reaktorleistung sackte plötzlich auf nur noch 30 MW ab - viel zu niedrig um den Test durchführen zu können. An dieser Stelle hätte der Test abgebrochen werden müssen, denn es gibt die Goldenen Regel: Einen XENON-VERGIFTETEN Reaktor darf man niemals direkt wieder hochfahren, denn er ist hochgradig instabil. Dass es trotzdem versucht wurde, darüber können Kenner des sowjetischen Regimes ganze Romane schreiben. Es wurde erwartet, dass der Test durchgeführt werden würde und man Ergebnisse präsentiert. Also wurde weitergemacht. Man wusste natürlich, dass man sich nun für mehrere Stunden in einer Xenon-Senke befinden wurde: Das Xe-135, immer weiter aus Jod-135 nachgeliefert, würde alle freien Neutronen sofort absorbieren. Nur mit einer HWZ von 9,2 Stunden würde das Xenon langsam wieder von selbst verschwinden. Also was tun, um den Reaktor wieder hochzufahren? (10/15)
@75Jamin - Ben Jamin
ALLE STEUERSTÄBE RAUS: Ein weiterer Absorptionseffekt war, dass das Wasser nun relativ kühl war und es keine Siedeblasen gab. Somit trug auch das größere Volumen des Wassers zu einer erhöhten Absorption bei. Die einzige Möglichkeit die Neutronen-Absorption zu reduzieren, bestand also in dem Herausfahren der Borcarbid-Steuerstäbe. Und zwar sehr viele Steuerstäbe. Mehr als erlaubt waren. Würde man die Stäbe aber einfach nur Herausfahren, so würde in die Hohlzylinder Wasser nachfließen. Und das absorbiert wiederum Neutronen. Etwas, das man generell vermeiden wollte. Daher bestand der untere Teil der Steuerstäbe aus Grafit, das ja ein Moderator ist und Neutronen abbremst, damit sie U-235 zur Spaltung anregen können. Die Steuerstäbe waren also eigentlich Doppelstäbe – auf der oberen Seite bestehend aus Borcarbid (grün) und auf der unteren Seite bestehend aus Grafit (grau) grün - Steuerstab grau- Grafit-Druckröhre gelb - Brennelement blau - Wasser (11/15)
@75Jamin - Ben Jamin
DER REAKTOR ERWACHT ZUM LEBEN: Es gab über 200 Steuerstäbe im Reaktor. Bis auf 8 wurden alle Stäbe herausgezogen. Das verstieß eindeutig gegen die Vorschriften. Die Ingenieure waren aber unbesorgt über einen zu raschen Leistungsanstieg, da es einen Notaus-Schalter gab (AZ-5), der alle Steuerstäbe so schnell wie möglich wieder einfahren würde. Sollte etwas außer Kontrolle geraten, könnte man diesen jederzeit drücken. Die thermische Leistung stieg langsam wieder auf 200 MW an, also weniger als die geplanten 700 MW, aber genug, um die Turbinen mit dem Wasserdampf laufen zu lassen. Dazu musste noch der Wasserdurchfluss durch den Reaktor reduziert werden, sonst wäre die ganze Wärme umgehend abtransportiert worden und das Wasser nicht verdampft. Nun, so hoffte man, konnte der Test doch noch durchgeführt werden. Danach würde man einfach (in die Leistungssteigerung hinein) den AZ-5-Knopf drücken, denn der Reaktor sollte ja ohnehin runtergefahren werden. (12/15)
@75Jamin - Ben Jamin
DER DAMPFBLASEN-KOEFFIZIENT: Was passierte nun im Reaktor? Beginnt das Wasser durch den Leistungsanstieg wieder zu sieden, entstehen Luftblasen und die Absorptionsfähigkeit des Wassers nimmt ab (Luft absorbiert keine Neutronen). Das aber sorgt für mehr freie thermische Neutronen und erhöht die Leistung. Dadurch siedet noch mehr Wasser. Es fehlt noch mehr Absorptionsmaterial. Die Leistung steigt. Es siedet noch mehr Wasser, usw. Zusätzlich wurde immer mehr Xe-135 durch freie Neutronen verbrannt, während die Steuerstäbe weiterhin draußen blieben. Eine trügerische Sicherheit, denn noch war genug Xe-135 vorhanden, um den Leistungsanstieg beherrschen zu können. Letztendlich entstand durch die Verdampfung eine positive Feedback-Schleife. Man sagt, dass der Dampfblasenkoeffizient positiv ist (siehe Bilderserie). In einem Leichtwasser-Reaktor hingegen, in dem das Wasser als Kühlung/Absorber UND als Moderator dient, führt eine Erhöhung der Dampfblasen dazu, dass der Moderationseffekt und damit die Leistung des Reaktors vermindert wird (die Neutronen sind dann zu schnell für Spaltungsprozesse) --> negativer Dampfblasenkoeffizient. Leichtwasser-Reaktoren verfügen diesbezüglich also über einen Selbstregulierungs-Effekt. (13/15)
@75Jamin - Ben Jamin
NOTAUS AZ-5: Nachdem die Kühlung vollständig abgeschaltet und der Test für die Notversorgung für ca. 30 Sekunden durchgeführt wurde, leitete einer der Ingenieure wie vorgesehen die AZ-5-Notfallabschaltung ein, die den Reaktor durch das Einfahren der Steuerstäbe so schnell wie möglich auf 0% herunterfahren sollte. Man hatte es doch noch geschafft. Erleichterung allenthalben. Was nun geschah, damit hatte natürlich keiner gerechnet. Ausgerechnet der Notaus-Schalter war der letzte Funken für die Katastrophe! Wie wir gesehen haben, bestanden sie Steuerstäbe aus zwei verbundenen Einheiten - Borcarbid oben und Grafit unten. Der Grafit-Anteil der Steuerstäbe war jedoch nur 4,5 Meter lang, während der Reaktor 7 Meter Höhe hatte, d.h. oben und unten befanden sich jeweils 1,25 Meter Wasser in den Röhren (Abbildung). (14/15)
@75Jamin - Ben Jamin
DIE KATASTROPHE: Als die Steuerstäbe (grün) nun also von oben eingefahren wurden, verdrängten die Grafitstangen die untere 1,25 Meter hohe Wassersäule. Das Grafit diente dort nun aber plötzlich als Moderator, während das dort befindliche Wasser auch ein guter Absorber war. Das führte zu einem lokalen Ungleichgewicht. Die Leistung wurde im unteren Teil des Reaktors für nur wenige Sekunden schlagartig erhöht, und zwar weit über das Maß, für das der Reaktor designt worden war. Es kam zur augenblicklichen Verdampfung des restlichen Wassers und zu einer Dampfexplosion. Die Steuerstäbe blieben dadurch stecken und konnten nicht weiter eingefahren werden. Kurze Zeit später erfolgte noch eine Wasserstoffexplosion (keine nukleare Explosion). Die Energie durch die zweite Explosion war so gewaltig, dass der 1.000 Tonnen schwere Reaktordeckel wie ein Frisbee in die Luft geschleudert wurde und auf den Reaktor krachte. Zu allem Überfluss kommt hinzu, dass der Tschernobyl-Reaktor über kein Containment verfügte, wie wir es von westliche Reaktoren kennen. Dadurch konnte die gesamte Radioaktivität in die Atmosphäre geblasen werden. (15/15)
@75Jamin - Ben Jamin
ZUSAMMENFASSUNG: Natürlich fehlen hier noch hunderte Informationen und etliche Details. Im Wesentlichen wollte ich einige wichtige Punkte herausarbeiten, die zu dem Unfall und dessen Auswirkungen maßgeblich beigetragen haben: - Wiederanfahren eines Xenon-vergifteten Reaktors - Grafit als Moderator - Positiver Dampfblasenkoeffizient - eine fehlerhafte Steuerstab-Konstruktion - kein Containment - Hinwegsetzen über Sicherheitsvorschriften Wenn es euch gefallen hat und ihr etwas Neues gelernt habt, lasst gerne ein Like da und teilt den Thread. Es sollte offensichtlich geworden sein, dass das Argument "ABER TSCHERNOBYL !!!" für westliche Leichtwasser-Reaktoren nicht greift. Sowohl die Sicherheitsanforderungen, die Sicherheitskultur als auch einfach die physikalische Auslegung verunmöglichen ein "Tschernobyl 2".
@75Jamin - Ben Jamin
Thema: REDISPATCH - ein Beispiel 🧵 Ich habe gestern einen Thread über Redispatch im Strommarkt geschrieben. Nun möchte ich dazu ein spannendes Praxis-Beispiel schildern, das sich am 19. September 2023 ereignete. Anbei nochmal der Thread zu den Basics: https://x.com/75Jamin/status/1741923489450180993?s=20
@75Jamin - Ben Jamin
Am 19.09.23 meldete der ÜNB TransnetBW per App, dass die Bürger in BW zwischen 10 und 12 Uhr Strom sparen sollen. Aber warum? Was war passiert? Gab es Kraftwerksausfälle? War Flaute? Nein, ganz im Gegenteil - es gab zu viel Strom. Was? Und trotzdem soll man Strom sparen? (2) https://t.co/ZfZUEwg7RJ
@75Jamin - Ben Jamin
Tatsächlich wehte zu der Zeit im Nordosten Deutschlands starker Wind und die Windkraftanlagen produzierten fleißig Strom. Zu fleißig, denn der Day-Ahead-Preis an der Strombörse war dadurch für gewissen Zeiträume auf 0 € gesunken. Strom war dann kostenlos zu haben. (3) https://t.co/rGpUWV2Ab7
@75Jamin - Ben Jamin
Der Strompreis ist jedoch einheitlich und bundesweit gültig und unser Strommarktdesign geht von der Vorstellung aus, dass der Strom auch überall in Deutschland 🇩🇪 gleichermaßen verfügbar ist (Prinzip Kupferplatte). Dies machten sich unsere europäischen Nachbarn zunutze. (4) https://t.co/MflblTMtpy
@75Jamin - Ben Jamin
Die Schweiz 🇨🇭 und Österreich 🇦🇹 kauften nun diesen günstigen Strom an der Strombörse, um damit ihre Pumpspeicher in den Alpen zu füllen. Dadurch würde ab 10 Uhr der Export von 2,2 GW auf 3,3 GW anspringen. Das würde allerdings die Nord-Süd-Stromleitungen in 🇩🇪 überfordern. (5) https://t.co/MlyskuOgYk
@75Jamin - Ben Jamin
Die Versorgung Süddeutschlands mit Windstrom UND der Export gen Süden konnten nicht gleichzeitig gestemmt werden. DESHALB sollte im Süden gespart werden. Zusätzlich zum Stromsparen mussten fossile Kraftwerke in BW und Bayern mehr Strom als geplant erzeugen --> Redispatch! (6) https://t.co/5X9kTHuecs
@75Jamin - Ben Jamin
Der Strompreis sendete also ein Marktsignal, welches physikalisch gar nicht gewährleistet werden konnte! Salopp gesagt haben wir an diesem Tag die Pumpspeicherseen in den Nachbarländern 🇨🇭 und 🇦🇹mit Strom aus Kohle & Gas befüllt. Und das Ganze obendrein quasi kostenlos. (7) https://t.co/1UZ6Atq4xX